2012-07-23

 Zeit verfliegt. Zeit verrinnt.
Vergiss niemals:
Du wirst alt, mein Kind.
20. Juli 2012
Mein Papa zeigte mir und meinen Schwestern einen Teil seiner Kindheit, einen sehr wichtigen. Fotoalben gibt es wenige mit seinem jungen Gesicht drin, verständlicherweise, damals waren die Möglichkeiten weit entfernt von den unseren. Er fuhr mit uns in das Dorf, in dem er aufwuchs. Zeigte uns die Bäume zwischen seinem früheren Zuhause und dem bekritzelten Bushaltestellenhäuschen, die ihm und seinen Brüdern als Fußballtorpfosten gedient hatten. Er zeigte uns den Weg, den er  in meinem Alter tagtäglich zu der Werkstatt, seiner Ausbildungsstätte, gefahren war, wir sahen seine Grundschule, den Bauernhof, bei dem er sich sein Taschengeld mit dem Ausmisten von Schweineställen verdient hatte, die Scheune, in der mal ein Lager des Militärs gewesen war, aus dem er mit seinen Geschwistern Proviantpäckchen stahlen und in einem der vielen nahegelegenen Wälder versteckte, erzählte zu den wenigen Häusern dies und das über die Bewohner: Selbstmörder, Dorftrottel, Familiendramen, Klassenclowns, Liebesgeschichten, Hausbrände. Allerhand Geschichten, durch Gesehenes hervorgerufene Erinnerungen, über die man selbst nach so vielen Jahren der Entstehung lachen kann. Und schmunzeln darüber, dass sie nicht in ein schwarzes Loch, in ein Tal des Vergessens gestürzt sind. Allein so viele Erinnerungen, von denen er uns berichtete, glaube ich nicht zu haben an meine eigene Kindheit. Früher wurden Abenteuer erlebt, sensationelle Momente geteilt (und das nicht auf Facebook) , Unmögliches einfach angepackt, möglich gemacht. Vielleicht liegt es auch einfach an mir, dass ich kaum Geschichten von mir erzählen kann, vielleicht sind sie auch doch irgendwo an der Klippe vor dem Abgrund, vor dem Vergessen, ich muss sie nur zurückholen, greifen, festhalten. Ein Seil um sie binden, dass sie nicht verloren gehen, nicht abstürzen. Ein Seil aus Worten. Ich möchte Erlebnisse aufschreiben, vielleicht kann ich sie später gebrauchen. Zum Lachen, zum Weinen, zur Unterhaltung, zum Beweis, dass ich etwas getan habe, dass ich gelebt habe, Orte sah, Dinge spürte, Menschen kennenlernte, Sachen verstand. Vielleicht ist es meinen Nachfahren nützlich. Zum Lachen, zum Weinen, zur Unterhaltung, zum Beweis, dass sie Wurzeln haben, dass ihr Ursprung nicht nur ein Ort ist, sondern viele, sowie Gefühle, Bekanntschaften, Fähigkeiten. Ich kann nicht wissen, ob sie dies schätzen werden, doch will ich ihnen die Möglichkeit geben, überhaupt die Möglichkeit zu haben. Niemand kann mir sagen, ob ich in einigen Jahren erzählen kann wie mein Vater, zeigen kann wie mein Vater. Ich hoffe, ich schaffe das und verliere diesen Gedanken, dieses Gefühl, meine Eindrücke als Erinnerungen vor der Schwärze, dem Fall in die Vergessenheit zu schützen, nicht, bevor es zu spät dafür ist.

Kommentare:

N.† hat gesagt…

du schenkst mir immer wieder herzliche worte. du findest immer die passenden zeilen, die mich von auf hundert verzaubern. ich schätze dich als schreiberin, und auch als mensch. du hast ein warmes herz. lass dir das von keinen nehmen, ja?
ich würde immer deinen blog lesen wollen. es gibt wenige, die so gut mit wörtern umgehen können, wie du. ich wüsste einfach kein grund, warum ich deine texte nicht mehr lesen wollen würde.
vielleicht werde ich die selbstzerstörung irgendwann ablegen können, wie ein mantel, der zu einen nicht mehr wärmt weil er zu viele löcher hat.
aber solange ich rennen kann,
werde ich vor den tod wegrennen,
das verspreche ich dir.

N.† hat gesagt…

http://www.youtube.com/watch?v=NMUBwQpiy7A
ein lied was mich an dich erinnert,
ich weiß nicht ob du die band magst,
aber ich wollte dir das stück auf jeden fall zeigen.