2012-02-13

Vergangenwart und Gegenheit

Ich halte meinen Finger ins Weinglas und befeuchte ihn mit der roten Flüssigkeit, die meinem Blut, das im Rhythmus mit dem Bass durch meine Adern pulsiert, gleicht, und verfalle gedankenverloren dem Beat. Vorsichtig führe ich meinen Zeigefinger ans Glas und streiche in langsamen, sanften Bewegungen über den Rand. Ein schummriges, melodisches Geräusch erklingt und findet sich schnell in die dröhnende Musik ein. Wie von selbst schließe ich meine Augen, um die der verdutzten Leute um mich herum nicht beachten zu müssen, um innen ganz still zu werden. Mein Herz wird von der Musik kontrolliert, mein Atem passt sich demnach an und ich versinke im Bass wie eine Moorleiche im Moor. Fast unmerklich – selbst für mich – nickt mein Kopf im Rhythmus und ich spüre einzelne Haarsträhnen, die mein Gesicht streifen und dann wieder zur Seite fallen. Die Musik wird lauter in meinen Ohren, es wird ruhiger in meinem Innern. Und gleichzeitig bringt sie mir so viele Gedanken, so viele Gefühle.
Lust durchströmt mich und der Klang des feuchten Fingers auf dem Weinglas lässt mich erzittern. Meine leicht bebenden Lippen verharren in einem Lächeln, das warme Blut in meinem Körper gibt mir das Gefühl, unbesiegbar zu sein.
Ich will weinen, so gut tun mir die Töne in meinen Ohren, ich gehe immer weiter hinein und mache keine Anstalten, je wieder herauszukommen.
Die Finger meiner linken Hand tippen auf die Oberfläche der Theke, an der ich sitze. Meine Augen sind geschlossen, doch ich sehe mehr als alle Menschen in diesem Raum zusammen.
Ich sehe das Leben, ich sehe das Leben, wie es sein sollte.
Ich sehe Kraft, ich sehe Mut, ich sehe Liebe, ich sehe Lachen und Tränen und Melancholie und Freude.
Bunte Farben, abstrakte Formen, die sich im Beat bewegen.
Mein Mund öffnet und schließt sich ohne mein Zutun. Er lässt meine Stimme hinaus, Worte, die sich von selbst formen und die Farben noch schriller und bunter, die Musik noch lebendiger werden lassen.
Als ich plötzlich meinen Namen höre, purzeln die Muster in sich zusammen, meine Hände fallen auf den Tisch und ich öffne meine Augen.
Mein Puls wird langsamer, während ich mich umdrehe, und die Musik wird dumpfer und schließlich zum Hintergrundgeräusch.
„Wir müssen los“, drängt meine Freundin und packt mich unsanft am Arm.
Ich seufze, nehme noch schnell einen Schluck aus dem Weinglas und lasse mich von ihr mitziehen.
Realität.
Zerplatzender Luftballon.
Stromausfall.
 where have you been?
Der Text ist alt und hat mich irgendwie verwundert. Ich kann mich gar nicht mehr an die Zeit erinnern, in der ich solche Texte verfasste..
Die Zeit ist etwas Verwirrendes, sie führt dich hinter's Licht, lässt die Sonne schneller versinken, als dass du ihre Strahlen lang genug nutzen könntest. Du nimmst sie dir für schöne Dinge, sie vergeht bei solchen wie im Fluge, sie rennt dir davon, wenn du viel von ihr brauchst. 
Seit sieben Monaten habe ich Dreadlocks, seit wenigen Stunden sind sie frisch gefärbt. Vor einem Jahr sah ich 'Black Swan' im Kino, in zwanzig Tagen sehe ich Casper zum zweiten Mal live, morgen ist Valentinstag, in einer Woche Rosenmontag. All diese Einteilungen in SekundenMinutenStundenTageWochenMonateJahre ist erdrückend, einschränkend, entsetzlich. Verschwendet ihr ein bisschen Zeit für mich, indem ihr mir hier eine Frage stellt oder auch zwei oder drei oder fünfhundert? XX

Kommentare:

lupa hat gesagt…

der text ist wunderschön wie immer!
und zeit ist wirklich etwas sehr seltsames. etwas, das mir angst macht. wobei es genau genommen keine zeit gibt, sondern nur uhren, die uns die zeit anzeigen sollen. ich glaube, ich schreibe bald was über das thema zeit, mal sehen, das macht mich gerade nachdenklich.
und fragen stelle ich dir natürlich :)
xxx.

mirjam hat gesagt…

ich danke dir.

loony hat gesagt…

du hast damals, ebenso wie heute, berührend und erschreckend zugleich geschrieben. du hast dein mehrsein nicht verloren und wirst es nie verlieren